Biodiversität im Unternehmen: Vom Verständnis zur konkreten Umsetzung

09.04.2026
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Wenn im Unternehmen das Wort „Biodiversität“ fällt, denken viele zuerst an Wildblumenwiesen oder an die periodisch aufkommende Idee, doch ein Insektenhotel auf dem Firmengelände aufzustellen. Klingt nett, wirkt sympathisch – und tritt im Arbeitsalltag doch oft zurück. Dabei ist Biodiversität kein dekoratives Randthema, sondern eine ziemlich handfeste Zukunftsfrage für Unternehmen. Denn wenn Ökosysteme kippen, Arten verschwinden und natürliche Ressourcen knapper werden, betrifft das nicht nur Libellen, Lurche und Löwenzahn, sondern Lieferketten, Standorte, Geschäftsmodelle und Berichtspflichten. 

Der Zustand der globalen Biodiversität verdeutlicht die Dringlichkeit des Themas: Laut WWF sind die beobachteten Wildtierpopulationen zwischen 1970 und 2020 im Durchschnitt um rund 73 Prozent zurückgegangen (WWF Living Planet Report, 2024). Gleichzeitig fließen laut IPBES jährlich rund 7,3 Billionen US-Dollar in Aktivitäten mit negativen Auswirkungen auf Biodiversität, während nur etwa 220 Milliarden US-Dollar in ihren Schutz investiert werden (IPBES, 2023). Auch in der Wirtschaft gewinnt das Thema an Bedeutung: Der Anteil großer Unternehmen, die Biodiversität als relevant einstufen, ist laut McKinsey von 50 auf 64 Prozent gestiegen, während konkrete Zielsetzungen weiterhin vergleichsweise selten sind.

Diese Entwicklungen betreffen auch Unternehmen direkt, etwa durch veränderte Ressourcenverfügbarkeit, regulatorische Anforderungen und steigende Erwartungen von Stakeholdern und Kund:innen. Während viele Organisationen bereits Klimathemen strukturiert angehen, steht das Management von Biodiversität oft noch am Anfang. Dabei gilt: Auch ohne perfekte Datenlage lässt sich mit klaren Schritten ein wirksamer Einstieg schaffen.


Was bedeutet Biodiversität überhaupt?

Biodiversität beschreibt die Vielfalt des Lebens auf der Erde und umfasst die Vielfalt von Ökosystemen, Arten und genetischen Ausprägungen. Oft wird Biodiversität auf Artenvielfalt reduziert, tatsächlich umfasst sie jedoch drei Dimensionen: Arten, Gene und Ökosysteme. In allen drei Bereichen ist aktuell ein Rückgang zu beobachten.

Zentrale Ursachen für den Verlust von Biodiversität sind vor allem Flächennutzung und -versiegelung, Ressourcenverbrauch, Umweltverschmutzung sowie der Klimawandel. Diese Faktoren sind eng mit wirtschaftlichen Aktivitäten verknüpft und werden durch globale Trends wie steigenden Konsum zusätzlich verstärkt. Für Unternehmen bedeutet das: Auswirkungen entstehen nicht nur direkt am eigenen Standort, sondern entlang der gesamten Wertschöpfungskette, von Rohstoffen über Produktion bis hin zur Nutzung und Entsorgung von Produkten.

Im Gegensatz zum Klimaschutz fehlt der Biodiversität eine einheitliche, global vergleichbare Kennzahl, da ihre Auswirkungen stark vom lokalen Kontext abhängen und schwerer messbar sind. Trotzdem darf diese Komplexität Unternehmen nicht davon abhalten, Biodiversitätsmanagement aktiv anzugehen.


Biodiversität in CSRD und VSME: Was Unternehmen berücksichtigen sollten

Auch in aktuellen Nachhaltigkeitsstandards wird Biodiversität zunehmend berücksichtigt. Im Rahmen der CSRD wird Biodiversität über den Standard ESRS E4 adressiert. Unternehmen müssen hier insbesondere ihre Auswirkungen auf Biodiversität und Ökosysteme beschreiben, Ziele und Maßnahmen definieren sowie geeignete Kennzahlen berichten, auch entlang der Wertschöpfungskette. 

Für KMU und im Rahmen der freiwilligen Berichterstattung bietet der VSME-Standard einen vereinfachten Einstieg. Biodiversität wird hier vor allem über Flächenkennzahlen abgebildet, etwa zu versiegelten und naturnahen Flächen oder zu Standorten in sensiblen Gebieten. 

Damit wird deutlich: Biodiversität ist auch regulatorisch ein relevantes Thema und sollte frühzeitig in bestehende Nachhaltigkeitsstrukturen integriert werden.


Der Weg zur eigenen Biodiversitätsstrategie

Ein strukturierter Einstieg gelingt über ein schrittweises Vorgehen: von der Bestandsaufnahme über die (idealerweise vorliegende oder geplante) Wesentlichkeitsanalyse, über die Festlegung konkreter Handlungsfelder und strategischer Ziele, bis hin zu Maßnahmen, Umsetzung und Monitoring. 

Idealerweise wird Biodiversität dabei nicht isoliert betrachtet, sondern in bestehende Unternehmens- und Nachhaltigkeitsstrategien integriert. In vielen Unternehmen existieren bereits thematische Strategien (z. B. Klima oder Kreislaufwirtschaft), an die Biodiversität sinnvoll anknüpfen kann.

Wichtig ist eine klare Struktur:

  • einheitliche Terminologie
  • Abgrenzung zwischen Unternehmens-, Nachhaltigkeits- und Themenstrategien
  • Definition konkreter Handlungsfelder wie Standort, Lieferkette oder Produktdesign

Gibt es bereits eine Nachhaltigkeitsstrategie mit Handlungsfeldern, empfiehlt es sich bei der (nachgeordneten) Biodiversitätsstrategie hier in der Terminologie zu variieren und etwa von Bausteinen zu sprechen. Man vermeidet so ein Chaos vieler Handlungsfelder verschiedener Ebenen.

Diese Bausteine sollten gezielt bestehenden strategischen Zielen zugeordnet werden. So entsteht eine integrierte Steuerung statt isolierter Einzelmaßnahmen.


Maßnahmen mit Wirkung: Wo Unternehmen ansetzen können

Typische Handlungsfelder oder Bausteine von Biodiversitätsstrategien sind: Standort, Produktdesign, Lieferkette und unternehmensinterne Prozesse – mit ihren jeweiligen Biodiversitätsmaßnahmen.

In der Praxis werden Maßnahmen am Standort häufig als erster Einstieg genutzt. Dazu zählen etwa Begrünung oder Entsiegelung. Ein Beispiel ist die Entsiegelung von Flächen: Durch die Umwandlung versiegelter Flächen in naturnahe Bereiche schafft sie Lebensräume, verbessert die Wasserspeicherung und trägt zur Kühlung urbaner Räume bei. Damit verbindet sie Biodiversität mit Klimaanpassung.

Gleichzeitig spielen Produktdesign und Lieferkette eine zentrale Rolle. Durch die Auswahl von Materialien, die Gestaltung von Produkten oder die Steuerung von Lieferanten können Biodiversitätsaspekte systematisch integriert werden.

Die Rollen beziehungsweise die Auswirkungen der Handlungsfelder sind vom Geschäftsmodell des Unternehmens abhängig. Bei einem Maschinenbauunternehmen sind Maßnahmen in der Lieferkette oder beim Produktdesign wichtiger als eine Blumenwiese vor dem Werksgelände. Ein Bestandshalter der Immobilienwirtschaft mit vielen Flächen hingegen kann mit Blumenwiesen und Entsiegelung viel für die Biodiversität, aber auch für die Klimaanpassung einer Stadt tun.

Beide Bereiche stehen dabei auch in einem Zusammenhang. Wer tagtäglich durch eine naturnahe Arbeitsumgebung an Biodiversität erinnert wird, beachtet das Thema ziemlich sicher auch eher bei der Entwicklung von Produkten oder dem Einkauf von Gütern.


Co-Benefits nutzen

Biodiversität im Unternehmen ist komplex, aber umsetzbar. Für den Einstieg müssen Unternehmen nicht auf perfekte Daten oder umfassende Strategien warten. Wichtiger ist ein pragmatischer Start, die Integration in bestehende Strategien und die Nutzung von Synergien mit anderen Nachhaltigkeitsthemen. Dabei weisen Biodiversitätsmaßnahmen oftmals Co-Benefits mit anderen Themen auf: Vorteilhafte Materialien im Produktdesign und in der Lieferkette gehen oftmals auch mit Vorteilen bezüglich CO2-Fußabdruck einher. Naturnahe Flächen, begrünte Fassaden und Dächer sorgen für messbare Abkühlung in unseren zunehmenden heißen Sommerzeiten.


Autor:innen

Larissa Schied, Marcel Sydow und Marius Hasenheit