Auf der Terrasse eines Berggasthofes wurde mir heute mit einem freundlichen Lächeln die Speisekarte überreicht. Meine Finger ertasteten das in Kunstleder geprägte Relief, der Einleger mit dem Tagesangebot fiel heraus. Ich bräuchte doch kein Verzeichnis, wenn es nur eine Speise gäbe, dachte ich. Sollte es sich nicht vielmehr um eine Speisenkarte handeln? Darauf bestand auch stets meine Mutter, eine gelernte Schriftsetzerin und daher inkarnierter Duden, die meinte, man verspeise ja nicht die Karte. Mich trieb nun um, herauszufinden, was denn stimme, und die Regel „kein Handy am gedeckten Tisch“ galt plötzlich nicht mehr. Die umfassendste Erörterung lieferte mir der Linguistiker Daniel Scholten mit seinem unterhaltsamen, über die Dauer einer Mahlzeit hinausgehenden Podcast (Scholten 2013).
Ja, es handelt sich um eine Speisekarte, weil es sich um eine Zusammensetzung mit dem Verb speisen handelt. Scholten ordnet die Verwendung des Kompositums in der – zulässigen, aber unüblichen – Pluralform Speisenkarte als sogenannte motivierte Wortbildung ein, denn sie folgt einem außersprachlichen Gedanken, entspringt dem Verstand und nicht dem Sprachzentrum. Der Logik folgend wäre die motivierte Wortbildung für Apfelkuchen der Äpfelkuchen, denn dessen Gelingen hängt maßgeblich von der eingesetzten Obstmenge ab. Hier verweigert das Sprachgefühl die Mehrzahl. Ähnlich wie in diesem Witz, wo es andersherum ist: „Geht ein Zyklop zum Augearzt.“ Gleichzeitig rät Scholten davon ab, motivierte Wortkonstruktionen in die Sprache einzuschleusen, weil Wortbildung anderen Regeln folgt. Es sollte bei wenigen Ausnahmen wie der Gerüchteküche oder dem Geschäftemacher bleiben. Etliche motivierte Wortbildungen haben es dennoch in die Gegenwartssprache als sogenannte verdunkelte Komposita geschafft, zum Beispiel Kirmes als Verkürzung von Kirchmesse aus dem Mittelhochdeutschen (Klein 2007).
Ich bekomme Gänsehaut, mache es doch und rege an, einen bürokratischen Begriff mit ein bisschen Motivation aufzuwerten. Aus meiner ideologieverzerrten Vorrätekammer präsentiere ich deshalb die Derivation Nachhaltebericht.
Eines unserer wichtigsten Angebote ist das Verfassen von Nachhaltigkeitsberichten. Es gibt mehrere relevante Richtlinien und Standards für diese, je nachdem, ob es um verpflichtende oder freiwillige Berichterstattung geht. Alle Berichtsnormen eint, dass sie aus Gründen der Vergleichbarkeit und Transparenz prosaisch nicht von hohem Wert sein können (auch wenn, was wir auch empfehlen, natürlich über die Normen hinaus berichtet werden kann). Neben der Rechenschaft können die Berichte und der Prozess ihrer Erstellung aber auch für das zukünftige Engagement eines Unternehmens wegweisend sein. Die Beschäftigung mit den erreichten Zahlen, den eigenen aktuellen Prioritäten und daraus abgeleiteten Zielen kann wichtige Prozesse in der Organisation anstoßen und Veränderung bewirken. Kurzum: Nachhaltigkeitsberichte sind unsexy, wenn darin und darauf basierend nicht darüber hinaus von den Meilensteinen und Zielen überzeugend erzählt wird – und dieser Prozess nicht sinnvoll gestaltet wird. Dafür braucht es Moderation und eine strategische Verankerung, in der Kommunikation begleitende Medien, Social-Media-Aktivitäten und vieles mehr. Das Gestalten und Lenken von Kommunikation ist essentiell, um auch kommunikativ nachhaltig zu sein und die Berichte nicht bloß für das Archiv zu produzieren.
Meine Idee wird konkret: Lasst uns künftig also Nachhalteberichte verfassen und damit zum Ausdruck bringen, dass wir aktiv, verantwortungsvoll und engagiert das Wirtschaften verändern. Nachhaltigkeit ist ein Zustand, das Nachhalten ist jedoch ein Prozess, in dem stetig evaluiert und nach Verbesserung gesucht wird. Dieser wird gestaltet, die daraus entstehende Bilanz wird mit authentischem Storytelling kombiniert und dokumentiert das Gelernte, die systematische Anpassung an veränderte (Klima- und Markt-)Bedingungen und die wirksame Integration von Handlungen und Technologien, die wirksam voranbringen, was der Gesellschaft und dem Planeten nützt.
Auch könnten wir uns damit vielleicht weiter von der Begriffskritik am semantischen Wandel des Umgangs mit dem Wort Nachhaltigkeit entfernen. Diese Beanstandung der Bedeutungsverschiebung hin zu dauerhafter Wirkung ist viele Jahre alt und hat selbst im Sprachgebrauch intellektueller Milieus nicht dazu geführt, dass, wie ursprünglich intendiert, der Dreiklang aus ökologischem, sozialem und wirtschaftlichem Nutzen gemeint ist.
Aber wirklich komplett umstellen auf Nachhalteberichte? Die Zweifel wachsen während der Bestellung des Desserts. Es würde sich nicht durchsetzen und wäre schlimmstenfalls eine verbale Legitimation für Katherina Reiches Festhaltebericht zur umstrittenen Novelle des Ökostromgesetzes und des Netzpakets: Man dürfte alles schönreden. Für heute also keinen Äpfelkuchen.
Hermann Radeloff
