Plastik: Genialer Werkstoff und globale Krise

19.01.2026
News

Plastik ist aus unserem Alltag kaum wegzudenken. Es steckt in Verpackungen, Elektronik, Autos, Medizintechnik und Bauprodukten. Ohne Kunststoffe wären viele Anwendungen schwerer, teurer – oder gar nicht möglich. Gleichzeitig ist Plastik zum Symbol einer aus dem Ruder gelaufenen Nutzung von Ressourcen geworden: vermüllte Strände, Mikroplastik in Böden und Organismen sowie eine wachsende Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen.

In unserer dreiteiligen Webseminar-Reihe „Plastic (not) fantastic – genialer Werkstoff und globale Krise“ sind wir dieser Ambivalenz nachgegangen. Gemeinsam mit unserem Partner Plastic Fischer und Gästen von Cirplus, MWT Recycling und Circular Valley haben wir uns mit der Frage befasst: Was macht Plastik so erfolgreich – und was sind praktikable Lösungen für Unternehmen in der Plastikkrise? 


Plastik: Erfolgsstory mit Nebenwirkungen

Zunächst lohnt sich ein nüchterner Blick: Plastik ist das Ergebnis gezielter Innovation.

Kunststoffe basieren auf langen Molekülketten (Polymeren), die aus fossilen Rohstoffen wie Erdöl und Erdgas gewonnen werden. Je nach chemischem Aufbau entstehen sehr unterschiedliche Materialien: vom bekannten PET über Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP) bis hin zu hochspezialisierten Spezialkunststoffen. Additive und Füllstoffe verleihen Kunststoffen zusätzliche Eigenschaften, etwa UV-Beständigkeit, Schlagzähigkeit oder Flammschutz.

Drei Kategorien dominieren den Markt:

  • Thermoplaste, die sich schmelzen und verformen lassen und grundsätzlich mehrfach recycelbar sind
  • Duroplaste, die einmal ausgehärtet sind und sich nicht mehr aufschmelzen lassen
  • Elastomere, gummiartige Materialien, die sich dehnen und wieder zusammenziehen

Gerade Thermoplaste haben den Siegeszug von Plastik möglich gemacht: Sie sind leicht, formbar, günstig – und sie lassen sich in großen Mengen standardisiert herstellen.

Doch dieser Erfolg hat eine Kehrseite. Die globale Kunststoffproduktion wächst seit Jahrzehnten, während die Kreislaufquote niedrig bleibt. Nur ein kleiner Teil der Kunststoffe wird tatsächlich recycelt, ein großer Teil wird verbrannt oder landet auf Deponien und in der Umwelt. Das Bild vom „geschlossenen Kreislauf“ ist in vielen Branchen eher Vision als Wirklichkeit.


Warum Kreislaufwirtschaft beim Plastik häufig einknickt

In Strategiefolien tauchen häufig bekannte R-Strategien auf: Refuse, Reduce, Reuse, Repair, Recycle, Recover. Viele Unternehmen haben sich also in den letzten Jahren mit Kreislaufwirtschaft beschäftigt – zumindest auf dem Papier. Der Weg von der Theorie zur Praxis ist jedoch lang.

Komplexe Stoffströme statt sortenreine Rohstoffe

Recycling funktioniert am besten mit sortenreinen Materialien. In der Praxis kommen Kunststoffe bei Recyclingstellen jedoch selten ordentlich getrennt an. Stattdessen liegen gemischte Ströme vor: Bauteile mit mehreren Kunststoffarten, Metallverbunde, Verbundfolien oder beschichtete Verpackungen.

Im zweiten Webseminar hat MWT Recycling eindrücklich gezeigt, wie heterogen bereits einzelne Abfallfraktionen sein können. Aus Sicht eines Recyclers stellt sich daher nicht die Frage „Wie recyceln wir Plastik?“, sondern „Welche Komponenten in diesem Materialmix lassen sich sinnvoll trennen, aufbereiten und als Sekundärrohstoff vermarkten?“. Je komplexer Produkte werden, desto enger wird dieser Spielraum.

Wirtschaftlichkeit als Engpass

Virgin Plastic, also neues Plastik, ist in vielen Fällen noch immer günstiger und zuverlässiger verfügbar als Rezyklate. Mengen, Qualitäten und Lieferstabilität von Sekundärkunststoffen schwanken – nicht nur in Krisenzeiten.

Und: Recyclinganlagen müssen wirtschaftlich betrieben werden. Wenn Erfassung, Sortierung und Aufbereitung zu teuer werden, verliert sich der Vorteil gegenüber neuem Plastik. Kreislaufwirtschaft ist dann kein wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell. 


Drei Hebel: Avoidance, Recycling, Removal

Aus unserer Webseminar-Reihe gingen drei Ansätze als Lösungsmuster hervor: 

  1. Avoidance – also Vermeidung und klügere Nutzung von Kunststoffen
  2. Recycling – das echte Schließen von Stoffkreisläufen
  3. Removal – die Rückholung von Plastik, das bereits in der Umwelt gelandet ist

Diese drei Bereiche bedienen unterschiedliche Zeithorizonte: Avoidance gestaltet die Zukunftsfähigkeit von Produkten und Geschäftsmodellen, Recycling macht Stoffströme mittelfristig zirkulär, Removal adressiert Schäden, die schon heute sichtbar sind.

Avoidance: Weniger, bessere, einfachere Kunststoffe

Avoidance heißt nicht „kein Plastik mehr“, sondern: Plastik bewusster und besser einsetzen.

Regulatorische Entwicklungen wie die EU-Verpackungsverordnung oder nationale Kreislaufstrategien gehen klar in die Richtung, Materialvielfalt zu reduzieren und Rezyklateinsatzquoten zu erhöhen. Für Unternehmen bedeutet das:

  • weg von Mischungen, die sich später kaum trennen lassen
  • hin zu Monomaterialien, für die es etablierte Recyclingwege gibt
  • Verpackungen und Produkte so gestalten, dass sie robust und zirkulär nutzbar sind – statt ultradünn, aber praktisch nicht kreislauffähig

Im Webseminar wurde außerdem deutlich: Kund:innen sind durchaus bereit, mehr für recycelte Produkte zu zahlen – aber nicht unbegrenzt. In der Praxis bewegen sich akzeptierte Aufschläge häufig im einstelligen Prozentbereich. Das heißt: Design- und Businessentscheidungen müssen zusammen gedacht werden. Nachhaltigkeit allein reicht nicht – die Lösung muss auch wirtschaftlich überzeugen.

Recycling: Wertstoffe sichtbar und wirtschaftlich machen

Beim Thema Recycling sollte man einen genauen Blick in die eigenen Prozesse werfen. Viele Unternehmen betrachten ihre Abfälle vor allem als Kostenfaktor. MWT Recycling hat gezeigt, dass hier häufig unentdeckte Rohstoffe liegen – insbesondere in industriellen Produktionsabfällen.

Wesentliche Ansatzpunkte sind:

  • Transparenz über eigene Stoffströme: Welche Kunststoffe werden eingesetzt? Wo fallen die Abfälle an? Wie sauber sind diese getrennt?
  • Design for Recycling: Können bestimmte Gehäuse, Bauteile oder Verpackungen in Monomaterial ausgeführt werden? Lassen sich Verbindungen vermeiden, die später teuer getrennt werden müssen?
  • Partnerschaften: In der Praxis kommen die besten Lösungen dort zustande, wo Hersteller:innen und Recycler:innen gemeinsam am Tisch sitzen – etwa in Ökodesign-Workshops oder Pilotprojekten.

Removal: Verantwortung über die eigene Wertschöpfung hinaus

Trotz aller Anstrengungen werden wir noch lange mit dem Erbe der Plastikproduktion früherer Jahrzehnte leben. Jedes Jahr gelangen Millionen Tonnen Plastik in die Meere, ein Großteil davon über Flüsse.

Hier setzt die Arbeit von Plastic Fischer an: mit einfachen, robusten Sammelsystemen in Flüssen, aufgebaut und betrieben zusammen mit lokalen Communities. 

„Zuerst den Hahn zudrehen, nicht wischen“, sagt man. Doch diese Metapher der überlaufenden Badewanne greift hier zu kurz. In einem System, das bereits überläuft, muss beides mitgedacht werden: den Hahn zudrehen (Avoidance & Recycling) und gleichzeitig wischen (Removal).


Plastik als Werkstoff denken

Plastik ist weder per se „böse“ noch per se „fantastisch“. Es ist ein genialer Werkstoff in einer Realität, die lange Zeit nicht auf Kreisläufe ausgelegt war.

Wenn wir Kunststoffe konsequent als Werkstoff behandeln – mit klaren Designregeln, robusten Recyclingstrukturen, verantwortungsvoller Nutzung und der Bereitschaft, bestehende Schäden zu adressieren –, wird aus der Plastikkrise ein Feld für Innovation, Resilienz und neue Geschäftsmodelle.


Autor: Marcel Sydow
Nachhaltigkeitsberater bei sustentio